Ausgesprochen Stark

Svenja Kinder

Verlag: humboldt
ISBN:   978-3-8426-1816-9
Preis:   22 €

Eine Reise zu den eigenen Worten, Grenzen und Gefühlen

Puh - mit so vielen persönlichen Gedanken und Erkenntnissen hätte ich bei diesem Buch wirklich nicht gerechnet. Eigentlich bin ich mit der Überzeugung an „Ausgesprochen Stark“ von Svenja Kinder herangegangen, dass ich mich mit dem Thema gar nicht unbedingt identifizieren kann. Schließlich habe ich - dachte ich zumindest - überhaupt kein Problem damit, meine Gedanken und Gefühle mitzuteilen. Mein Problem ist eher, dass mir manchmal keiner zuhört. 

Tja … falsch gedacht.

Schon der erste Abschnitt hat mir gezeigt, dass das Thema viel mehr mit mir zu tun hat, als ich zunächst angenommen hatte. Besonders dieser Satz ist bei mir hängen geblieben:

„Die meisten Menschen gehen erst dann ins Gespräch oder bitten um Hilfe, wenn der Leidensdruck zu hoch wird.“

Plötzlich ergab einiges Sinn. Denn auch wenn ich grundsätzlich offen über mich und mein Befinden spreche, habe ich in meinem Leben früh gelernt, dass ich mich auf andere nicht unbedingt verlassen kann, wenn es schwierig wird. Das hat mich geprägt und sicherlich auch dazu beigetragen, vieles zunächst mit mir selbst auszumachen. Gerade Svenjas persönliche Einblicke haben mich deshalb sehr erreicht. Ihre Kindheit und Jugend haben an vielen Stellen Erinnerungen und Parallelen zu meinem eigenen Leben geweckt. Gleichzeitig hat mich ihre Offenheit beeindruckt. Sie zeigt sich verletzlich, erzählt Persönliches und macht dadurch nicht nur das Thema greifbarer, sondern auch sich selbst sehr sympathisch.

Besonders beschäftigt hat mich die Frage, warum wir Menschen manchmal so viel ertragen, bevor wir unsere Grenzen deutlich machen. Das Buch hat bei mir einige Erinnerungen an Situationen hervorgerufen, in denen ich erst sehr spät reagiert oder überhaupt ausgesprochen habe, dass mir etwas nicht gefällt. Und manchmal war die Erkenntnis im Nachhinein fast erschreckend simpel: Wenn ich etwas nicht möchte, darf ich es auch klar sagen. Aber genau das ist eben nicht immer so einfach.

Ein weiterer Punkt, der mich sehr angesprochen hat, ist die Angst davor, als „schwierig“ wahrgenommen zu werden, wenn man seine Meinung, seine Bedürfnisse oder seine Gefühle äußert. Gerade bei Menschen, die einem wichtig sind oder von denen man abhängig ist – sei es der Partner, die Chefin oder die Kollegen – ist es gar nicht so leicht, ehrlich auszusprechen, was in einem vorgeht. 

Sehr gut gefallen haben mir die kleinen „Denk dran“-Abschnitte, die immer die Quintessenz aus dem gerade gelesenen zusammenfassen. Einige davon werde ich mir tatsächlich irgendwo sichtbar hinhängen, weil manche Dinge einfach regelmäßige Erinnerungen brauchen. Besonders gut hat mir hier gefallen

„Du bist nicht verantwortlich für die emotionale Unreife anderer.“

Im weiteren Verlauf fand ich vor allem die praktischen Übungen hilfreich. Gefühle in Worte zu fassen, klingt zunächst nach einer einfachen Aufgabe – für mich ist es das allerdings überhaupt nicht. Gerade die Frage „Was fühlen Sie dabei?“ hat mich schon früher regelmäßig an meine Grenzen gebracht. Statt einer Antwort herrscht im Kopf plötzlich Nebel. Das Buch gibt hierfür nachvollziehbare Anregungen und macht Mut, sich genau daran trotzdem zu versuchen.

Auch die Themen Konfliktangst, Partnerschaft und Freundschaft haben bei mir einige Gedanken angestoßen. Interessant fand ich beispielsweise den Umgang mit einem vermeintlichen „Nichts“, wenn man jemanden fragt, was los ist. Wer kennt es nicht? Man weiß eigentlich ziemlich genau, dass etwas ist, bekommt aber trotzdem ein „Nichts“ zur Antwort. Die im Buch vorgestellten Möglichkeiten, damit umzugehen, fand ich sehr hilfreich und möchte einiges davon tatsächlich ausprobieren.

Interessant fand ich das Thema Empathie. Ich habe nicht das Problem, zu wenig empathisch zu sein – bei mir ist es eher das Gegenteil. Ich nehme die Sorgen und Schwierigkeiten anderer Menschen sehr stark auf und kann mich dadurch selbst belasten. Hier hat das Buch bei mir den Wunsch nach mehr Selbstschutz geweckt.

Und dann sind da noch die Sätze, die man nach dem Lesen nicht einfach wieder vergisst:

„Du musst nicht immer verstanden werden – aber Du darfst immer ehrlich sein.“

Ein für mich sehr wichtiger Gedanke.

Insgesamt hat mich „Ausgesprochen Stark“ deutlich mehr erreicht, als ich zu Beginn erwartet hätte. Das Buch hat mich zum Nachdenken gebracht, mir an einigen Stellen den Spiegel vorgehalten und mir gleichzeitig konkrete Werkzeuge an die Hand gegeben.

Allerdings ist es auch ein Buch, das bei mir an einigen Stellen sehr starke Reaktionen ausgelöst hat. Manche Inhalte haben Erinnerungen und Gefühle geweckt, die mich durchaus getriggert haben. Zwischenzeitlich musste ich das Buch deshalb sogar zur Seite legen und erst einmal durchatmen. Für mich persönlich gehört auch das zur Leseerfahrung dazu: Dieses Buch ist nicht einfach nur ein Ratgeber, den man liest, ein paar Tipps mitnimmt und wieder ins Regal stellt. Es kann durchaus etwas in Bewegung bringen. Und vielleicht ist genau das seine größte Stärke.

Ich habe jedenfalls wesentlich mehr aus diesem Buch mitgenommen, als ich erwartet hatte. Einige Sätze und Übungen werden mich sicher noch eine ganze Weile begleiten.

Insgesamt eine sehr persönliche, ehrliche und zum Nachdenken anregende Lektüre.

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