Rosanne Parry, Monica Armino

Als der Wolf den Wald verließ

Verlag: Coppenrath
Preis: 15 €
ISBN: 978-3649634751
Cover: © Coppenrath Verlag

Eine Wolfsgeschichte, die anrührt. Der Wolf „Flink“ erzählt von dem Rudel, in dem er aufwächst, von den Eigenarten der Geschwister und der besonderen Beziehung zu Vater und Mutter, die Orientierung für sein ganzes Leben geben. Dabei gelingt es der Autorin besser als bei ihrem Orca-Buch, gefühligen Kitsch zu vermeiden. Offenbar hat sich auch die Übersetzerin bemüht, den besonderen Duktus der „Wolfssprache“ im Deutschen wiederzugeben, die sich nicht nur in dem, was geschildert wird, von der Menschensprache unterscheidet, sondern auch in ihrem Rhythmus und ihrem Klang. Einen großen Raum nimmt die Schilderung der Natur ein, die den Wolf umgibt. Diese Schilderungen sind kenntnisreich und intensiv und erschaffen die Räume in denen sich „Flink“ (später Wander) bewegt. Auch die für uns weniger „romantischen“ Seiten, das Töten der Beutetiere, wird nicht verklärt oder beschönigt. Tatsächlich gelingt es so bis zu einem gewissen Grad, die Leser*innen in eine „Wolfsperspektive“ mit ihrem exzellenten Geruchssinn und ihrem hervorragenden Gehör einzuführen. Wie in einem Holywood-Movie darf allerdings die ziemlich vorhersehbare Love-Story mit Happy-End nicht fehlen.
Großes Lob verdient der Informationsteil des Buches, der über den realen Wolf informiert, der hinter diesem Tierroman steht. Er war mit einem Peilsender ausgestattet und legte 1600 km ab dem Verlassen seines eigenen Rudels in Nordwest-Oregon zurück. Er gründete dann in den Siskyou-Mountains in Nordkalifornien seine eigene Gemeinschaft. Außerdem erfahren die Leser*innen Details über das Leben dieser faszinierenden Tierart. Die Informationen über Flora und Fauna der Gebiete, die der Held des Romans durchstreift, geben weitere Einblicke und verbinden sich bestens mit den Schilderungen von „Flink“ in der Erzählung. Die Illustrationen im Inneren des Buchs sind detailreich und künstlerisch anspruchsvoll, traditionelle Aquarelle, unter Einsatz von Reservage-Technik und Kreiden. Schön sind die eingestreuten Abbildungen von Pflanzen und Landschaft, die die Lektüre dieses Buches zusätzlich stimmungsvoll machen. Schlecht gewählt ist der Titel der deutschen Ausgabe, denn das Original heißt „A Wolf Called Wander“. Der deutsche Titel trifft überhaupt nicht, worum es geht, er suggeriert, dass der Wolf der menschlichen Zivilisation begegnet, was zwar stimmt, aber überhaupt nicht im Zentrum der Erzählung steht. Es geht um Wanderschaft. Irritierend ist auch, dass das Cover eine Abbildung einer anderen Illustratorin zeigt, die im Stil überhaupt nicht zu den Illustrationen im Inneren des Buches passt. Seltsamerweise ist dies auch bei der Originalausgabe so.

Textauszug:
Was geht da vor sich? Die Pferdin wird von einem Zittern geschüttelt und noch mehr Wasser läuft aus ihr heraus. Der Geruch wird mit jedem Augenblick schärfer. Da geht etwas wirklich Besonderes vor sich – und vielleicht ist es etwas Leckeres. Ich setzte mich auf meine wedelnde Rute und warte. Das Vaterpferd brummt und knurrt aufmunternd. Nach einer Weile schiebt sich aus dem Hinterteil der Pferdin ein großer Klumpen, ganz glitschig, mit einer milchig-weißen Hülle darüber. Ich kann den Blick nicht abwenden. Die Pferdin am Boden keucht schwer. Der große Klumpen wird länger und glitschiger. Was für eine seltsame Krankheit! Das Vaterpferd weicht nicht von ihrer Seite. Die Schatten werden länger, die Luft kühler. Es fallen ein paar Regentropfen. Ich lecke sie vom Gras, lasse die Pferde aber nicht aus den Augen. Schwerfällig versucht die Pferdin, sich zu erheben. Doch sie fällt wieder um und der Klumpen wächst weiter in die Länge. Und dann platzt die glitschige, durchsichtige Hülle auf. Zwei Füße schauen hervor! Füße mit Hufen, nachtschwarzen Hufen. Das gibt’s ja gar nicht! In der Hülle steckt ein winziges Pferd. Und die Mutter bekommt dieses kleine Pferd vor dem ganzen Rudel, ohne Bau, ohne Höhle. Im Freien!